Abnahmen neigen, auch von hinten

Bei meiner Salatjacke war es mal wieder so weit: Abnahmen, die sich auf der Vorderseite des Gestricks nach rechts bzw. links neigen sollten, mussten in den Rückreihen gestrickt werden. Für versierte StrickerInnen alles kein Problem; aber ich musste doch zumindest bei den nach links weisenden Abnahmen einige Zeit überlegen, wie das von hinten nochmal richtig ging (“richtig” deshalb, weil ich inzwischen längst meine eigene Pfusch-Methode dafür entwickelt habe – dazu unten mehr).

Ums endgültig in mein Hirn einzubrennen – und auch für den Fall, dass sich mal eine weniger professionelle Maschenkünstlerin auf diese Seite verirrt, habe ich die Verfahren dokumentiert (strickende Männer mögen sich mit angesprochen fühlen, die grammatikalische Doppelverwurstelung fällt im Folgenden dem Majoritätsprinzip zum Opfer). So zeige ich gleich zunächst der Vollständigkeit halber kurz zwei Abnahmemethoden, die auf der Vorderseite (Hinreihe bei Glatt-Rechts) gestrickt werden, und dann geht’s zu den kniffligeren Abnahmen, die in den links gestrickten Rückreihen produziert werden.

Also: Ein wenig Konzentration bitte, und dann immer Ihrer Neigung folgen ;-)

Auf der Vorderseite abnehmen, noch ganz einfach …

Noch ganz einfach, quasi zum Warmwerden: nach rechts geneigte Abnahmen, auf der Vorderseite produziert. Einfach zwei Maschen rechts zusammenstricken (unten links), das ergibt dann die Rechtsneigung (unten rechts).

Wenn sich die Abnahmen nach links neigen sollen, dann gibt es (soweit ich weiß) drei Methoden, dies in der Hinreihe zu erreichen. Zwei weit verbreitete Methoden möchte ich gar nicht erst zeigen, weil sie zu unschönen Ergebnissen führen. (Damit meine ich das Zusammenstricken mit Überzug - eine Masche abheben, die nächste rechts stricken, dann die abgehobene Masche überziehen – und das Verschränkt-Zusammenstricken. )

Deutlich eleganter ist das im Englischen so prägnant “SSK” (slip – slip – knit) genannte Verfahren: Zuerst eine Masche wie zum Rechts-Stricken abheben, danach die nächste ebenso abheben …

… und wenn beide derart ‘verdreht’ auf der rechten Nadel gelandet sind, die linke Nadel vor der rechten in die beiden abgehobenen Maschen schieben – und die Maschen aus dieser Position heraus rechts zusammenstricken:

2 einzeln re abgeh. M. re zus.stricken

Auf diese Weise zusammengestrickte Maschen ergeben eine etwas unauffälligere Linksneigung … (unten im Bild vielleicht nicht mehr ganz so unauffällig, weil ich fürs Foto mehrfach geribbelt und neu gestrickt hatte ;-)

… als mit Überzug oder verschränkt zusammengestrickte (da beim Überzug die übergezogene Masche plump auf der Masche links daneben abrutschen und sich so auffällig quer legen kann; und die verschränkten Maschen sind größer als ihre Kollegen drum herum).

So weit, so gut …

… doch was tun, wenn man die Abnahmen in den Rückreihen stricken muss?

Bei Abnahmen, die sich auf der Vorderseite nach rechts neigen sollen, ist das ganz einfach: Zwei Maschen links zusammenstricken

… dann erscheinen die rechten Maschen auf der Vorderseite *tadaaa* rechts-geneigt:

Aber nicht zu früh freuen, meine Damen, denn jetzt kommen wir zum Problemfall: von hinten eine vorne linksgeneigte Abnahme in der Rückreihe stricken (na, noch alles klar? *g*). Wie immer beim Stricken gibt es auch dafür etliche Varianten, drei davon zeig’ ich gleich.

Eine einfache Version, mit der sich (von hinten) eine Links-Neigung (auf der Vorderseite) erzielen lässt, ist das Verschränkt-Zusammenstricken der linken Maschen: Die rechte Nadel sticht von hinten links (jawoll!) durch die hinteren Hälften der beiden Maschen ein, die zusammengestrickt werden sollen …


und dann werden diese Maschen links zusammengestrickt:

So erzeugt man auf der Vorderseite auf einfache Weise eine Linksneigung:

Allerdings sind diese Maschen nicht so schön, denn v.a. ihre linke Hälfte beult sich auffällig hervor. Deshalb nur eine Notlösung!

Es geht nämlich wesentlich eleganter, mit Abheben und Verschränkt-Stricken, dem auf der rechten Seite gearbeiteten “SSK” entsprechend. Dazu die erste linke Masche wie zum Rechtsstricken abheben …

verso ssk

… und die nächste li. M. ebenso abheben …

verso ssk o2

… dann die derart verdrehten Maschen auf die linke Nadel zurückschieben (nur weil wir ja mit der rechten Hand die Maschen der linken Nadel abstricken möchten), …

ssk 03

… und schließlich diese beiden Maschen verschränkt links zusammenstricken:

verso li zustr

verso ssk

Et voilà – von vorne eine unauffälligere Linksneigung (sorry, ich sehe gerade, die Pfeilspitze könnte ein paar Milimeter höher zeigen):

Ergebnis verso ssk

Ich gestehe, dass ich die letztgenannte Methode, da so selten benötigt, immer wieder mal vergesse. Und dann hilft mir folgender Trick, meine Abkürzung für Faule: Ich stricke auf der linken Seite bis vor die beiden Maschen, die zusammengestrickt werden müssen. Dann wende ich das Strickzeug, damit ich live und in Farbe sehen kann, wie die Maschen vorne verlaufen, und tue dann einfach so, als würde ich einen SSK auf der Vorderseite stricken (schließlich soll es vorne ja auch so aussehen, als hätte ich da einen normalen ssk gestrickt).

Das heißt also: Auf der Vorderseite die zwei betreffenden Maschen zuerst einmal auf die linke Nadel heben, ohne sie zu verdrehen (nur damit ich sie gleich wie gewohnt mit der rechten Nadel bearbeiten kann):

… dann diese beiden Maschen einzeln wie zum Rechtsstricken abheben …

… schließlich die linke Nadel vor die rechte durch diese Maschen schieben – und beide Maschen mit der rechten Nadel zusammenstricken:

Der einzige Unterschied zum normalen SSK: Der Faden hängt an der Masche links neben dem Geschehen und nicht, wie sonst, rechts. Für Stricker, die den Faden sowieso mit der linken Hand führen, ist das also völlig unerheblich. Ich stricke also quasi auf der Vorderseite zurück, was manche Stricker komplett beherrschen und für diverse Techniken einsetzen. Doch ich bin mit dieser Operation schon fertig mit meinem ‘Stricken auf der falschen Seite’, habe sehen können, dass die Maschen richtig verlaufen, und kann also wieder wenden und die Rückreihe normal weiterstricken. Nur die soeben gestrickte Masche, die liegt noch verdreht auf der Nadel. Also muss ich die entweder noch von vorne wenden (und danach wieder auf die linke Nadel schieben) …

oder erst auf der Rückseite oder spätestens, wenn ich bei der nächsten Hinreihe wieder dran vorbeikomme. Sonst ganz normal links weiterstricken.

Und hier jetzt mein gepfuschtes Ergebnis, das ich immer dann auf diese Weise produziere, wenn ich zu faul bin, meine Strickbibliothek zu konsultieren, aber eine auf der Vorderseite nach links geneigte Abnahme haben möchte, die dem ssk gleicht:

Soll ich’s noch mal zusammenfassen?

Also – vorausgesetzt sei, dass die Hinreihe auf der Vorderseite rechts gestrickt wird, die Rückreihe links:

Vorne nach rechts geneigte Abnahme in der Hinreihe produzieren: 2 M. rechts zusammenstricken

Vorne nach links geneigte Abnahme in der Hinreihe produzieren: (Überzug ODER 2 M. verschränkt rechts zusammenstricken ODER) ssk

Vorne nach rechts geneigte Abnahme in der Rückreihe produzieren: 2 M. links zusammenstricken

Vorne nach links geneigte Abnahmen in der Rückreihe produzieren: (2 M verschränkt links zusammenstricken ODER) 2 x rechts abheben und verschränkt links zusammenstricken ODER wenden, den ssk von vorne stricken, Masche verdrehen, zurückwenden und weiter links stricken

*uff* Ich danke der geneigten (egal, ob rechts oder links *hihi*) Leserin, die mir bis hierhin gefolgt ist, und lasse mich gerne eines Besseren belehren. Kann nämlich gut sein, dass ich vor lauter Konzentration auf die Unbilden der digitalen Fotografie (sorry für die z.T. unscharfen Bilder – ich übe noch) irgendwo etwas verwechselt habe. Und mir schwirrt jetzt auch der Kopf …

Es verneigt sich nach rechs und nach links,

KnitAngel

11 Kommentare

  1. Hallo knitAngel, Gott sei Dank hast du mir das strichmuster stricken gerettet.

    Danke
    Sylvia

  2. Hallo,mir geht’s genauso wie Ciaran…bin auch das erste Mal “hier”und total begeistert.Super informativ!!!!Vielen Dank!!! Liebe Grüße, Angelica

  3. Danke im Namen aller Strickerinnen, die sich an japanischen Mustern abmühen, für die es ja nur selten Zeichenerklärungen gibt (und wenn – dann in japanisch). Ich selbst war nahe am Rande der Verzweiflung, aber jetzt sollte es locker gelingen.

    Liebe Gruesse
    Annette

  4. Hallo!

    Ich bin heute zum ersten Mal hier vorbeigestolpert und ich muss sagen: super Blog!
    Deine Erklärung mit den Fotos ist echt klasse.
    Gerade für mich als Anfängerin ist soetwas immer extrem hilfreich.

    Bis bald,
    Ciaran

  5. Sehr cool, die letzte Methode – sehr (s)trickreich-intelligent.
    Ich mach das ja (also “das” = das Komplizierte, die links geneigten Abnahmen auf der linken Seite) auf die von Dir als vorletzte beschriebene Art. Also zweimal abheben, dann links verschränkt zusammenstricken. Das muss ich zum Beispiel auch bei Fersen, wenn ich eine mit verkürzten Reihen und Umschlägen stricke – also an-dau-ernd. Von daher flutscht das bei mir schon ziemlich. Aber das Umdrehen, das ist echt heiß!
    Viele Grüße
    Angela

  6. ja, danke für diese tollen Tips! Ich habs immer anders gemacht, und werd es mir umgewöhnen, denn es sieht tatsächlich viel ordentlicher aus! Vielen Dank für die ausführliche Erklärung und den Aufwand! Man lernt doch immer wieder dazu, auch dank Internet und dank solcher Bloggerinnen, die keine Mühe scheuen, um so manches uns strickenden Mädels nahezubringen….
    viele Grüße
    Birgit

  7. ….ist ja spitze, vielen Dank für diese tolle Erklärung, Schritt für Schritt, speicher ich mir gleich mal ab, denn sowas braucht man doch sicher bald, wenn man z.B. ein figurbetontes Sommerjäckchen stricken möchte, wie ich es vorhabe, herzliche Grüße, Marion

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.