KnitAngel am 22. August 2008
So langsam reicht es selbst mir mit Grün. Aber ich bin euch noch einen Beitrag zu meinen Schilfblüten-Färbungen schuldig. Ihr erinnert euch?

Es begann damit, dass ich vor einigen Wochen völlig verblüfft war, als ich zu den schon längst ausgespähten Schilfzonen am Rhein zog, um einige Blüten zu ernten, und feststellen musste, dass auf wirklich weiter Strecke so ziemlich _alle_ Blüten abgeschnitten waren. Es muss also hier in der Nähe noch jemand etwas damit anfangen können und überdies einen riesigen Bedarf haben. - Einerseits lustig, andererseits jedoch schade, denn ich hatte das Grün, das mit diesen Pflanzen auf Wolle erzielt werden kann, im Vorjahr bei Thea gesehen (die wunderbar färbt, spinnt und strickt … und, und, und - nur leider nicht bloggt), und war seitdem begierig, diese Färbung auszuprobieren.
Das folgende Wochenende allerdings brachte reichliche Entschädigung: Beim Abendspaziergang entdeckten wir, dass diese Pflanzen offenbar üppig genug wuchern, um in kurzer Zeit neue Blüten zu treiben. Also ernteten wir spontan einen großen Leinenbeutel voll (nicht ohne uns bei den Pflanzen zu bedanken :-). Wie gut, dass ich - offenbar hellsichtig genug - rechtzeitig bei Karin Tegeler Kaltbeize bestellt und dazu noch Wolle gewaschen und in die Beize gelegt hatte. Weil es aber schon zu spät zum Färben war, wurden die Gräser erst einmal eingeweicht (wie es Dorothea Fischer in der zweiten Auflage ihres Färbebuchs auch empfiehlt):

Am nächsten Tag der große Clou: Ein Päckchen von Thea!?! - Sie hatte von meiner Enttäuschung gelesen und war im Urlaub spontan mit ihrem Mann an das Elbufer gezogen, um dort für mich die Objekte meiner Begierde zu ernten. So kam ein Care-Paket mit prächtigen Schilfblüten von Dresden nach Köln. Mit einer perfekten Färbeanleitung, wunderschön auf handgeschöpftem Papier geschrieben.

Danke Thea! Was war das für eine Freude :-)))
Jetzt hatte ich auf einmal doppelt soviel Färbedroge - nur leider nicht genügend Wolle in der Kaltbeize. … Wer den Mann an meiner Seite kennt, weiß, dass ihn fast unmögliche Herausforderungen besonders anspornen. In diesem Falle war es mein Seufzer “Ach, wie blöde, dass ich am Samstag Nachmittag kein Alaun bekomme, sonst könnte ich jetzt Alaun- mit Kaltbeize vergleichen” … Er düste sofort los, wurde in einer weit entfernten Apotheke tatsächlich fündig und kam stolz wie Oskar mit dem gewünschten Pulver zurück :-).
Petrus spielte auch mit, und so wurden draußen in dem eigens angeschafften Einkochtopf Blüten …

… wie Wolle gekocht,

… je ein erster Zug mit Kalt- sowie mit Alaunbeize, und dann noch ein zweiter Zug mit Kaltbeize.
Und hier nun das Ergebnis - von rechts nach links, in der Reihenfolge der Färbung:

1) 450 g Wolle, gut gewaschen, gespült, Kaltbeize über Nacht, gespült. Knapp 800g Schilfblüten vom Rhein - 1 Tag trocken gelegen, dann 1 Tag eingeweicht, schließlich gut 1 Std. ausgekocht, über Nacht im Sud abgekühlt. Am nächsten Tag Wolle ohne Blüten eine gute Std. im Sud geköchelt und darin dann wieder über Nacht abgekühlt. Wolle gewaschen und gut gespült, dann ca. 20 Min. ins Essigbad gelegt - geschleudert, ausgeschlagen, getrocknet. Schließlich die Stränge in Knäuele umgewickelt, weil diese ersten beiden Stränge mehrfach zerfetzt waren, und ich den Schaden sichten wollte.
GSD habe ich aber keinen Mottenbefall in meinem Wollschrank (leere Pheromonfalle), sondern hatte die Stränge offenbar angeknabbert gekauft (sie waren auch ausgesprochen dreckig!).
2) 450 g Wolle - vorbereitet wie oben. Knapp 800 Schilfblüten von der Elbe, s.o. Diesmal aber die Wolle in 15% Alaun gebeizt (ca. 1 Std. geköchelt). Über Nacht feucht in geschlossenem Eimer gelagert. Dann wie oben im Farbbad geköchelt und darin über Nacht abgekühlt. Gefärbte Wolle wie oben nachbehandelt.
3) 450 g Wolle, Kaltbeize für ca. 1/2 Tag. Dann im zweiten Zug in der ersten Färbeflotte geköchelt.
Und jetzt? - Hah! Belohnung, Belohnung :-)))

Was ich damit machen möchte? Erst mal sammeln :-) Und ganz in Ruhe andere Naturfarben dazu produzieren. Dann soll’s irgendwann mal eine Decke geben, vermutlich in einem großzügigen Zackenmuster. Denn für ein Kleidungsstück ist mir diese Wolle nicht lichtecht genug und nicht genügend waschtauglich.
Abgearbeitet grüßt
KnitAngel
P.S.: Die Wolle ist ein ganz klein wenig strohig geworden, weil ich - anfangs genervt vom Dreck und Gestank - mit Feinwaschmittel gewaschen habe *gesteh* - und auch die Extra-Kochzeit der Alaunbeize macht sich etwas bemerkbar. Deshalb überlege ich, das Garn erneut in Stränge zu wickeln und mit Wollfett vom Finkhof rückzufetten. Hat vielleicht jemand Erfahrung damit?